Mein weißer Friede

Mein weißer Friede – Lesung zum Themenjahr „Worte…“

Die Schriftstellerin Marica Bodrožić las in Radolfzell aus ihrem neuesten Buch

bododrzic

„Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Diese bohrende Frage legte Georg Büchner seinem Danton angesichts der Gewaltexzesse der Französischen Revolution in den Mund. Junge Menschen von heute, die nur in Frieden aufgewachsen sind, aber jeden Abend im Fernsehen schockierende Berichte von Kriege und Terror sehen müssen, beschäftigt diese Frage wie ehedem. Der Frieden ist trügerisch, plötzliche Gewaltbereitschaft erschreckend, heute wie vor zweihundert Jahren.

Marica Bodrožić hat mittlerweile ein Dutzend Literaturpreise gewonnen, zuletzt den überaus angesehenen Literaturpreis der Europäischen Union. Ihr Werk umspannt Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays und Drehbücher für Dokumentarfilme. Bodrožić lebte in verschiedenen Ländern und unterrichtete dort regelmäßig an Schulen und Universitäten. Geboren in einem Dorf in Dalmatien, kam sie mit zehn Jahren nach Deutschland. Kindheit und Gegenwart, die Sonne des mediterranen Südens und die Saturiertheit Mitteleuropas, poetischer Bilderreichtum und theoretische Reflexion, die persönliche Lebensgeschichte und das Nebeneinander nationaler Identitäten: in vielfältiger Gebrochenheit bewegt sich ihre vielschichtige Erinnerungsarbeit. „Mein weißer Friede“ ist das jüngste Buch von Marica Bodrožić. Aus ihm las sie in Radolfzell, zunächst im neu eröffneten Österreichischen Schlösschen und am Montag früh vor Oberstufenschülern im Friedrich-Hecker-Gymnasium.
Es ist essayistischer Roman und zugleich eine poetische Spurensuche. In immer neuen Szenen geht die Schriftstellerin dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach. Eine Reise in die Vergangenheit und ins Land der Kindheit wird zur Zeitreise und führt zu Begegnungen, welche die Wunden des Krieges berühren. Nationalismen, Religionen, kollektive Verhaltensmuster einerseits und die einmaligen persönliche Erinnerungen andererseits– immer neu stellt sich die Frage: Wie entsteht Gewalt zwischen Völkern, zwischen den Nachbarn eines Dorfes, und nicht zuletzt und vor allem: in uns? Was wäre wirkliche Versöhnung? Und wo liegt die innere Heimat, die uns Kraft gibt? – Wie heißt es so schön: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“