Revolutionär mit Feder und Skalpell

Ein Georg Büchner zum Anfassen für die Kursstufe des FHG.

Zugegeben, es fällt viel Unterricht aus. Sehr viel. Viel zu viel. Aber die Gründe sind unterschiedlich, und sie werden sehr subjektiv wahrgenommen und bewertet: Was für den einen an »außerunterrichtlicher Veranstaltung« für völlig überflüssig angesehen wird, ist für den anderen absolut unverzichtbar und macht das Salz in der Suppe eines Schulalltags aus.
Eines aber ist sicher: Die Personaldecke ist einfach zu dünn, um Unterrichtsausfälle aufzufangen. Und meistens stellt man dann auch bei genauerem Hinsehen fest, dass hinter dem »ausgefallenen«  Unterricht fast immer ein besonderes Engagement steckt, – eine Lehrerin oder ein Lehrer, der nicht bloß »Dienst nach Vorschrift« macht, sondern sein Herzblut darein gibt, etwas eindrücklich und anschaulich zu vermitteln.
So auch am 11. Februar.

Mit der Truppe »THEATERmobileSPIELE« aus Karlsruhe, die sich eigens auf hautnahe Aufführungen in Klassenzimmern spezialisiert hat, hatte Fr. Sinha einen guten Griff getan. Unter dem Titel »büchner.die welt.ein riss.« stellte diese etlichen Deutsch-Kursen der Oberstufe des FHG den Schriftsteller Georg Büchner auf besonders eindringliche Weise vor. Nebenbei, die Reduktion auf die beschränkten Umstände eines doppelten Klassenzimmers bot ein anschauliches Beispiel für Erfindungsreichtum und das dramaturgisches Geschick der kleinen Truppe. Die Wiege des Anfangsbildes verwandelte sich am Schluss, die ineinander verschränkten Brennpunkte von Geburt und Tod aufnehmend, in die barbarische Todesmaschine der Guillotine, die seinerzeit als besonders menschlich galt.
Der Schauspieler Georgios Tzitzikos schlüpfte in ein halbes Dutzend Rollen. Mal war er der revolutionäre Büchner, mal der geschundene Woyzeck, mal Danton, dann wiederum dessen Antipode Robespierre. Die vom Regisseur Thorsten Kreilos geschriebene Textcollage stellte die politisch anklagende, verzweifelte, zugleich zutiefst humanistische Seite des Autors in den Mittelpunkt der Inszenierung.
»Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigne Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.« Mit solchen Sätzen, die sich wie Splitter ins Fleisch in unsere kulturelle Erinnerung gebohrt haben, könnte man pausenlos weitermachen. So ist dieser Büchner. Mal kommen seine Sätze als tief schürfende Sentenzen daher, bitter aufblitzende Aperçus, dann als Kalauer, immer aber bildüberbordend, wie gemeißelt und ziemlich desillusionierend. Büchner kam just in dem Augenblick zur Welt, als gerade 92 000 Menschen dieselbe verblutend verließen – bei der »Völkerschlacht« in Leipzig gegen Napoleon. Nicht einmal 24 Jahre später war auch er schon tot.
Das »früh vollendet«, was in solchen Zusammenhängen oft genug fällt, ist allerdings das denkbar unpassendste Klischee. Und dennoch, es genügte ein schmales Œuvre, ein Corpus von gerade einmal 5 Schriften, allesamt »hingerotzt« und in der Textüberlieferung keineswegs sicher und vollendet, um ihn unsterblich zu machen.
Ohne Zweifel, diesen Büchner ein geniales Multitalent zu bezeichnen, wäre zu harmlos. Er war mehr und in allem extrem: Er war ein Revolutionär in vorderster Front, dem nur deshalb das Schicksal seine Freundes Karl Minnigerode erspart blieb, weil der Spitzel, der dessen Verhaftung am 1. August 1834 bei der ersten Verteilung des »Hessischen Landbote« veranlasste, für weitere Einsätze vorgesehen war. Mit 23 Jahren schon an der Uni Zürich habiliert, beobachtete und arbeitete er mit der Feder ebenso messerscharf wie mit einem Rasiermesser, betrieb eine Autopsie und Vivisektion des seelischen und sozialen Desasters der postnapoleonischen und postrevolutionären Illusionen.
»Ich gewöhnte mein Auge ans Blut. Aber ich bin kein Guillotinenmesser«, schrieb er aus dem ungeliebten Gießen am 10. März 1834 an seine Verlobte und Pfarrerstochter Minna Jaeglé nach Straßburg. Und in seinem letzten Brief an sie vom 18. Januar 1837 aus Zürich: »Das Beste ist, meine Phantasie ist tätig, und die mechanische Beschäftigung des Präparierens lässt ihr Raum. Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen etc. […] O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Gedanken schwimmen in Spiritus.«
Diese Zusammengehörigkeit von politischem Aktivismus, radikaler, innovativer Dichtung und unerbittlichem Forscherdrang wurde in der Theatervorstellung sehr deutlich.
Es gab seinerzeit wohl kaum einen Menschen, der so früh und so scharf die groteske Verdinglichung und den Missbrauch von wissenschaftlicher Skrupellosigkeit gegeißelt hätte. Sie war für ihn, wenn sie nicht das Menschliche im Auge hatte, eine einzige »aberratio mentalis partialis«, wie der Doktor sie im Woyzeck mit solch unüberbietbarem Zynismus diagnostiziert.
Man könnte vielleicht in Theodor Gericaults »Floß der Medusa« ein Pendant für solch eine postromantische »lost generation« gesehen. Dasselbe Interesse an Außenseitern, Wahnsinnigen; dieselbe kritische Kompromisslosigkeit. Aber Büchners Kunst ist weitaus radikaler, sperriger, ein Stachel im Fleisch noch heute. Sein Drama um den getriebenen Subproletarier Woyzeck ist mittlerweile das weltweit meist gespielte deutsche Stück. – Kurzum: Es mag in Deutschland einen Goethe und Schiller geben und natürlich auch Literaturpreise, die nach ihnen benannt sind; aber der bedeutendste, der Jahr für Jahr im Herbst vergeben wird, ist mit dem ungebrochenen, unerhörten Dichter Büchner verknüpft.
Was die Schüler geboten bekamen, war nicht gerade leichte Kost. Dass sie aber mucksmäuschenstill und aufmerksam blieben, sprach für sie  – wie für die Inszenierung. Abschließend verstanden es Regisseur und Schauspieler auch sehr gut, den Nachfragen der Schüler Auskunft zu geben und so das Erlebnis mit noch mehr Verständnis zu vertiefen.